Berufswahl für Jugendliche – Den eigenen Weg finden

Schuhe auf Boden davor bunte Pfeile

Die Berufswahl ist ein längerer Prozess, bei dem Jugendliche herausfinden, was sie interessiert, was sie gut können und welche beruflichen Wünsche sie haben. Dabei sind Eltern wichtige Ratgeber – doch ihre Vorstellungen stimmen nicht immer mit denen ihrer Kinder überein. Entscheidend ist, Jugendliche zu begleiten, ohne ihnen die Entscheidung abzunehmen.

Praktika, Berufsbörsen und Berufsorientierungsangebote an der Schule helfen dabei, verschiedene Möglichkeiten kennenzulernen. Die heutige Arbeitswelt ist dynamischer als früher. Menschen wechseln häufiger den Arbeitsplatz oder richten sich beruflich neu aus. Deshalb geht es bei der Berufswahl nicht darum, den „perfekten“ Beruf für ein ganzes Leben zu finden, sondern darum, Entscheidungen zu treffen und mit Veränderungen umgehen zu lernen.

Interessen und Fähigkeiten entdecken

Am Anfang geht es darum, sich selbst besser kennenzulernen: Was interessiert mich? Was macht mir Spaß? Worin bin ich gut? Und welche Tätigkeiten geben mir das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun? Gerade Jugendliche können diese Fragen häufig noch nicht eindeutig beantworten. Das ist völlig normal. Interessen zeigen sich nicht immer direkt in einem konkreten Berufswunsch.

Hilfreich kann sein, unterschiedliche Tätigkeiten auszuprobieren, z. B. durch ein Praktikum, einen Nebenjob, ehrenamtliches Engagement oder einen Freiwilligendienst. Wer gerne organisiert, Dinge gestaltet, repariert, mit Menschen arbeitet oder Probleme löst, bekommt dadurch wichtige Hinweise auf die eigenen Stärken.

Bei der Berufswahl geht es außerdem nicht nur um die Frage, welcher Beruf „passt“. Auch persönliche Werte spielen eine Rolle. Was ist mir wichtiger: Sicherheit, gutes Einkommen oder Freude und Zufriedenheit bei der Arbeit? Dieses Spannungsfeld lässt sich nicht immer vollständig auflösen. Jede berufliche Tätigkeit enthält angenehme und weniger angenehme Aufgaben. Umso wichtiger ist es, herauszufinden, was einem persönlich Sinn und Zufriedenheit gibt.

Eltern als wichtige Begleiter

Eltern sind nach wie vor wichtige Ansprechpartner bei der Berufswahl ihrer Kinder. Sie kennen ihre Kinder gut, können Erfahrungen weitergeben und bei der Orientierung unterstützen. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass Eltern unbewusst ihre eigenen Vorstellungen auf ihre Kinder übertragen: Der Familienbetrieb soll übernommen werden, das Kind soll einen „sicheren“ Beruf ergreifen oder beruflich einmal mehr erreichen als die Eltern selbst.

Deshalb lohnt sich für Eltern ein Blick auf die eigene Berufsgeschichte: Wie bin ich eigentlich zu meinem Beruf gekommen? Welche Menschen oder Erwartungen haben meine Entscheidung beeinflusst? Habe ich meinen Beruf aus eigener Überzeugung gewählt oder haben sich bei einem selbst andere Personen eingemischt oder die Entscheidung übernommen? Und wie hat sich mein beruflicher Weg entwickelt?

Junge und Mädchen vor rosa Hintergrund

© Karolina Grabowska/Pexels

Eine gute Begleitung bedeutet nicht, dem Jugendlichen die Entscheidung abzunehmen. Gespräche über die berufliche Zukunft sollten außerdem nicht erst kurz vor dem Schulabschluss beginnen. Idealerweise setzen sich Jugendliche bereits zwei bis drei Jahre vorher bewusst mit dem Thema auseinander und nutzen die verschiedenen Möglichkeiten zur Berufsorientierung.

Bei gemeinsamen Gesprächen von Eltern und Jugendlichen über die Zukunft ist es hilfreich, Regeln für eine erfolgreiche Kommunikation einzuhalten. Dazu gehören offene Fragen, sogenannte W-Fragen, die zum Erzählen einladen (z. B. Was hat dir an deinem Praktikum am besten gefallen?) sowie aktives Zuhören, d.h. man lässt den anderen ausreden, hört aufmerksam zu und stellt bei Bedarf Verständnisfragen. Ich-Botschaften sind persönliche Äußerungen, die die eigenen Gefühle und Bedürfnisse in den Vordergrund stellen anstatt mit Du-Botschaften das Gegenüber zu beschuldigen.

Vier Schritte auf dem Weg zum Beruf

Der Weg zur Berufswahl lässt sich vereinfacht in vier Schritte unterteilen:

1. Selbsterkundung:
Eigene Interessen, Fähigkeiten, Stärken und Werte kennenlernen.

2. Information:
Berufe, Ausbildungswege und Studienmöglichkeiten kennenlernen und Informationen aus unterschiedlichen Quellen sammeln.

3. Entscheidung:
Möglichkeiten abwägen und eine erste Entscheidung für einen Ausbildungs- oder Berufsweg treffen.

4. Realisierung:
Bewerbungen schreiben, Vorstellungsgespräche führen, Eignungsprüfungen absolvieren und gegebenenfalls Fragen zu Finanzierung oder Wohnortwechsel klären.

Dabei ist wichtig: Diese Schritte verlaufen nicht immer geradlinig. Erfahrungen können dazu führen, dass eine Entscheidung noch einmal verändert oder eine neue Richtung eingeschlagen wird.

Ausprobieren schafft Orientierung

Eine realistische Vorstellung vom Berufsalltag entsteht häufig erst durch eigene Erfahrungen. Praktika, Nebenjobs, Berufsinformationstage, die Beschäftigung mit dem Thema Beruf in der Schule, Ausbildungsmessen oder Gespräche mit Menschen aus verschiedenen Berufen können dabei helfen. Auch ein Freiwilliges Soziales Jahr, ein Freiwilliges Ökologisches Jahr oder ehrenamtliches Engagement bieten die Möglichkeit, Interessen und Fähigkeiten kennenzulernen.

Informationen sollten dabei aus unterschiedlichen Quellen stammen: persönliche Erfahrungsberichte vermitteln einen Eindruck vom Arbeitsalltag, sachliche Berufs- und Studieninformationen zeigen Ausbildungswege und Anforderungen, und eigene praktische Erfahrungen helfen dabei, Vorstellungen mit der Realität abzugleichen.

Studieren oder Ausbildung?

Nach dem Schulabschluss stehen Jugendlichen viele Wege offen: Studium, duales Studium oder Ausbildung. Dabei ist keine Entscheidung grundsätzlich besser als die andere. Während ein Studium stärker theoretisch und wissenschaftlich ausgerichtet ist, bietet eine Ausbildung von Beginn an intensive praktische Erfahrungen und den direkten Einstieg in die Arbeitswelt.

Person hält Bohraufsatz in den Händen

© Julia Malcher/Pexels

Ein duales Studium verbindet beide Bereiche. Entscheidend ist nicht, was vermeintlich mehr Ansehen bringt, sondern welcher Weg zu den eigenen Interessen, Fähigkeiten und Zielen passt. Praktika, Gespräche mit Berufstätigen und Berufsberatung können dabei helfen, die eigenen Vorstellungen zu überprüfen und eine passende Entscheidung zu treffen.

Sicherheit, Geld und Zukunft

Viele Jugendliche wünschen sich einen sicheren Arbeitsplatz. In der heutigen Arbeitswelt ist berufliche Sicherheit jedoch anders zu verstehen als früher. Berufswege sind dynamischer geworden, Menschen wechseln häufiger den Arbeitsplatz oder orientieren sich im Laufe ihres Berufslebens neu. Kaum jemand kann heute sicher davon ausgehen, bis zum Rentenalter im ursprünglich erlernten Beruf zu bleiben.

Deshalb ist es weniger wichtig, den „Beruf fürs ganze Leben“ zu finden. Vielmehr geht es darum, Entscheidungen zu treffen, Kompetenzen aufzubauen und mit Veränderungen umgehen zu können. Auch die finanzielle Seite sollte bei der Berufswahl berücksichtigt werden. Viele Jugendliche können noch schwer einschätzen, wie viel Geld sie später zum Leben benötigen und welche Kosten auf sie zukommen. Ein eigenes Haushaltsbuch kann helfen, ein realistisches Gefühl für Einkommen und Ausgaben zu entwickeln.

Wenn die Entscheidung noch nicht feststeht

Nicht jeder Jugendliche hat nach dem Schulabschluss bereits einen konkreten Plan. Manchmal braucht es einfach mehr Zeit und Erfahrungen. Ein Jahrespraktikum, ein Freiwilligendienst, ein Nebenjob oder andere Zwischenlösungen können dabei helfen, Orientierung zu gewinnen.

Auch gesundheitliche oder persönliche Voraussetzungen sollten bei der Berufswahl berücksichtigt werden. Entscheidend ist, realistische Möglichkeiten zu finden, die zu den individuellen Fähigkeiten und Lebensumständen passen.

Drei Personen stehen vor Flipchart

© Artem Podrez/Pexels

Und schließlich gehören Rückschläge dazu: Nicht jede Bewerbung führt zu einer Zusage. Gerade dann brauchen Jugendliche Unterstützung und Ermutigung. Absagen sind keine Bewertung des persönlichen Wertes, sondern Teil eines Prozesses, aus dem man lernen und neue Wege entwickeln kann. Die Berufswahl bedeutet deshalb nicht, sich frühzeitig für ein ganzes Leben festzulegen. Sie bedeutet, sich selbst kennenzulernen, Möglichkeiten auszuprobieren, Entscheidungen zu treffen und den eigenen Weg Schritt für Schritt zu entwickeln.

Weiterführende Links:

www.studienwahl.de - Der offizielle Studienführer für Deutschland
www.hochschulkompass.de - Ein Angebot der Hochschulrektorenkonferenz
Berufenet der Bundesagentur für Arbeit
Mein Beruf - Portal der Bundesagentur für Arbeit für Berufseinsteigerinnen und Berufeinsteiger
Check-U - Erkundungstool für Ausbildung und Studium
AusbildungPlus - Portal für duales Studium
IHK-Lehrstellenbörse - Ausbildungs- und Praktikumsplätze bei Unternehmen
Lehrstellenbörse des Handwerks
www.bundesfreiwilligendienst.de

Quellen:
Bentlage, Ulrike - Schulabschluss geschafft! Und jetzt? Ein Ratgeber zur Studien- und Berufswahl. Hogrefe, 2021.
Bolles, Richard Nelson mit Carol Christen u. Jean M. Blomquist - Was ist dein Ding? Einfach deinen Traumjob finden - Durchstarten zum Traumjob für Teenager. Campus, 2013.
Annette Linzbach - Berufswahl - Was kommt nach der Schule? Ein Elternratgeber. Ferdinand Schöningh, 2014.

 


Titelbild: © Ann H/Pexels